Reisebericht aus Indien (1996): Cochin – Delhi (Teil 1)

Indien – ich kann es nicht lassen…

Obwohl meine erste Reise nach Indien 1990 teilweise eher abschreckend war, bin ich 6 Jahre später wieder nach Indien gereist und bin gleich 3 Monate geblieben. Die meiste Zeit, 2 Monate, war ich in Cochin in einer renommierten Anwaltskanzlei, wo ich meine Wahlstation im Rahmen des juristischen Referendariats verbrachte. Einen Monat hatte ich Urlaub und konnte wieder durch das Land reisen. Diese Reise führte mich zum Teil an Orte, wo ich schon 1990 war, zum Teil aber auch in neue Gefilde.

Cochin war also meine Heimat für 2 Monate, während derer ich das indische Rechtssystem etwas kennenlernen konnte. Auch für den normalen Touristen hat die Stadt selbst und die Umgebung einiges zu bieten.

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Cochin liegt am Meer und hat auch mehrere vorgelagerte Inseln. Als Kolonialmächte gaben sich die Portugiesen, die Holländer und Briten die Klinke in die Hand. Der Dutch Palace auf der Insel Mattancherry ist ein Zeugnis der kolonialen Vergangenheit und mit seinen Fresekn aus den Epen Ramayana und Mahabharata einen Besuch wert. Vasco da Gama, der portugiesische Seefahrer, wurde auch in der St. Francis Church, der ältesten europäischen Kirche auf dem Subkontinent, beerdigt. Noch heute ist der Anteil an Christen in Kerala mit ca. 20% relativ hoch.

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Aber natürlich dominiert der Hinduismus und seine vielen Götter. Im Gegensatz zu den nordindischen Tempeln mit relativ schlichten Tempeltürmen sind die südindischen Gopurams über und über mit den Götterbildern bedeckt und dazu in bonbonbunten Farben. Leider wird uns als Nichthindus der Zutritt in der Regel verwehrt. Vom Hinduismus geprägt sind natürlich auch die Tanzveranstaltungen, die meist auf Geschichten aus dem Ramayana basieren.

cochin_tempelIn Cochin selbst sollte man auf jeden Fall eine Kathakalivorführung besuchen, denn sie ist für Kerala typisch und die Tänzer haben eine erstaunliche Körperbeherrschung, sollen sogar teilweise auch die Augen voneinander unabhängig bewegen können. Wenn man rechtzeitig vor der Aufführung da ist, kann man auch beim Schminken zuschauen und die Verwandlung eines normalen Inders zu einem göttlichen Helden, einem Dämon oder einer Frau erleben. Wie bei uns früher werden alle Rollen im Kathakali übrigens nur von Männern dargestellt. Die Gestalten mit der grünen Farbe im Gesicht sind übrigens die Guten, die mit der gelben Farbe stellen Dämonen dar. Auf keinen Fall sollte man eine Tour durch die backwaters von Kerala auslassen. Mit einem Boot fährt man gemütlich durch die Kanäle, durch Kokoswälder, an kleinen Orten und Reisfeldern vorbei und bekommt so einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen auf dem Land. Man fühlt sich auch ein wenig in eine andere Zeit versetzt, wenn man den Frauen beim Herstellen der Seile aus Kokosfasern zusieht oder wie sie die Wäsche am Ufer waschen. Es ist richtig malerisch, aber das Leben unter diesen Bedingungen ist sicher nicht leicht. Jedoch geht es dem Großteil der Menschen in Kerala um einiges besser als im Rest von Indien. Ich habe kaum Bettler gesehen, die Alphabetisierungsrate ist mit ca. 91%(!) fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt in Indien und das Reisen hier ist sehr angenehm.

Delhi – Hauptstadt und Moloch

Nichtsdestotrotz wollte ich nicht die ganzen 3 Monate in dieser schönen Ecke bleiben, sondern auch was vom Land sehen und bin daher nach New Delhi geflogen. Die Maschine war übrigens ein alter ausgemusterter deutscher Flieger mit deutschen Demonstrationsrettungswesten und deutschen Beschriftungen überall. Keine Ahnung, ob mich das beruhigen sollte (weil deutsche Wertarbeit ;-)) oder nicht (weil bei uns ausgemustert), auf alle Fälle bin ich gut in Delhi gelandet.

Quartier bezog ich in der Travellerstraße Paharganj, wo sich eine Unterkunft an die andere reiht. Dort sollte es eigentlich zu keiner Uhrzeit ein Problem sein, eine Unterkunft zu bekommen. Wer meinen Bericht von 1990 gelesen hat, wird wissen, dass ich Bombay nicht besonders mag. Delhi fand ich im Vergleich dazu recht angenehm. Man hat zwar auch mit den unerfreulichen Seiten zu tun, aber Delhi selbst, vor allem New Delhi ist recht weitläufig, kein derartiges Gedränge wie in Bombay, ab und an sieht man auch Grün. del_2
Old Delhi dagegen ist eine andere Welt. Gewimmel in den Gassen, Räder, Fußgänger, Motorrikschas, Lkws, Fahrradrikschas, Tiere, alles, was Beine oder Räder hat, scheint sich auf den Straßen zu tummeln. Aber es macht Spaß, in dieses Gewusel einzutauchen und sich treiben zu lassen oder mit einer Fahrradrikscha die Gassen zu erkunden. Delhi selbst hat auch einiges zu bieten, das man deutlich entspannter besichtigen kann als die Sehenswürdigkeiten Bombays. Meine Meinung 😉

Man kann sich z.B. Humanyun´s Tomb anschauen, architektonisch ein Vorläufer des Taj Mahal. Das Nationalmuseum ist auch einen Besuch wert. Götterfiguren aus vergangenen Jahrhunderten, Miniaturmalereien aus der Mogul-Zeit, Kostbarkeiten aus Elfenbein etc. kann man bestaunen. Das Rote Fort, die ehemalige Festung, die Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahal begonnen hat, sollte man sich ebenso wenig entgehen lassen wie einen Besuch der Großen Moschee, der größten Indiens. Der riesige Platz bietet 25.000 Menschen Platz und die Moschee kann außerhalb der Gebetszeiten auch von Nichtmuslimen in angemessener Bekleidung besichtigt werden. Alles in allem fand ich Delhi wirklich recht angenehm, auch wenn man sich hier genauso wie im Rest des Landes vor Schlitzohren in Acht nehmen sollte, die einem das Geld aus der Tasche zu ziehen versuchen.

Als Einstig für dieses riesige Land finde ich die Hauptstadt bei weitem besser als Bombay. Der ohnehin heftige Unterschied zu unserer Kultur der Schock über die bittere Armut sind für jeden Neuankömmling hart zu verdauen, da muß man es sich nicht noch schwerer machen. Aber das ist wie gesagt eben nur meine Meinung 😉

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