Heute möchte ich dich nach Nepal mitnehmen, nach Dakshinkali, um genau zu sein.

Ich war im Oktober 2014 dort, noch vor dem großen Erdbeben, das so viel zerstört hat.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was mich geritten hat, nach Nepal zu fahren, denn es hat keine Küste, aber dafür viele hohe Berge, die höchsten der Welt. Den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt habe ich auch gesehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Um es kurz zu machen, ich liebe das Meer und kann mich nur bedingt für Bergtouren begeistern, daher war Nepal eigentlich genau das Gegenteil von meinem Traumland, aber am Ende habe ich mich dann doch in das Land am Himalaya verliebt.

Ich war 3,5 Wochen dort und habe keinen einzigen Berg bestiegen, dafür aber viele buddhistische und hinduistische Tempelanlagen besucht.

Übrigens dachte ich vor meiner Reise, dass Nepal überwiegend buddhistisch ist, stimmt aber nicht. Die meisten Nepali sind Hindus und damit kommen wir langsam zum Thema.

In meinem Reiseführer hatte ich gelesen, dass es etwa 20 Kilometer von Kathmandu einen Kalitempel gibt und den wollte ich mir natürlich auch anschauen.

Mit dem Bus wäre es ziemlich kompliziert geworden, aber in Nepal sind die Taxis viel billiger als bei uns und daher war es schlicht einfacher, mir ein Taxi zu mieten und hinzufahren. Wenn du eine Pauschale vereinbarst, dann wartet der Fahrer auch auf dich, so dass du keine Probleme hast, auch wieder zurück zu kommen.

Kali – Mutter und Zerstörerin

Kali ist eine der wichtigsten Göttinnen des Hinduismus und eine Göttin des Todes und der Zerstörung. Aber sie gilt auch als Beschützerin der Menschen und ist eine der wenigen Göttinnen des Hinduismus, die Wünsche erfüllt.

Ihre zerstörerische Wut richtet sich nicht gegen die Menschen, sondern gegen Dämonen und die Ungerechtigkeit.

Sie wird häufig sehr blutrünstig dargestellt, mit einer Halskette aus abgeschlagenen Köpfen und sie tanzt auf Shiva, dem Zerstörer. In einer ihrer zahlreichen Hände hält sie einen Schädel, in einer anderen eine mit Blut gefüllte Schale und sie streckt die Zunge heraus.

Die Sichel, die sie hält, stellt ein Symbol der Erlösung dar, denn sie durchschneidet Verwirrung, Unwissenheit und Bindungen. Sie macht so den Weg frei zur Erlösung. Sie zerstört damit die Illusionen und die negativen Kräfte.

Als Göttin des Todes ist sie auch eine Göttin der Transformation und so wiederum die Mutter, die das Leben gibt und auch wieder nimmt.

Kali ist also eine ganz faszinierende Göttin und das war für mich Grund genug, ihren Tempel aufzusuchen.

Ich habe mir bewusst einen Dienstag ausgesucht, denn am Dienstag und vor allem auch am Samstag werden in Dakshinkali der Göttin Opfer dargebracht. Meist sind es Hähne und Ziegenböcke, aber auch Blumen, Räucherstäbchen, Kokosnüsse. Früher wurden ihr auch Menschen geopfert, aber das ist schon eine Weile her.

Mein Fahrer wartete auf dem Parkplatz auf mich und ich machte mich auf den Weg, um Kali zu begegnen.

Auf dem Weg zum Tempel

Vom Parkplatz aus musste ich zunächst an etlichen Ständen vorbei, bei denen die Gläubigen Opfertiere, aber auch Bilder der Göttin (im Allerheiligsten darfst du nicht fotografieren), Gewürze, Getränke, Gebetsketten, Kokosnüsse und Blumen kaufen können.

Ich habe ehrlich gesagt auch kurz überlegt, eine Opfergabe zu kaufen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich bin kein Hindu und ich war mir nicht sicher, wie die Nepali reagiert hätten. Ich fand es ohnehin schon unglaublich, dass ich ins Allerheiligste durfte, denn das ist nicht selbstverständlich. In viele Tempel in Indien durfte ich nicht hinein oder nur in die vorderen Räume. Hier durfte ich sogar bis ins Allerheiligste.

Ich war mir nicht sicher, ob das nicht irgendwie komisch aufgefasst worden wäre, wenn ich so getan hätte, als ob ich auch ein Hindu wäre.

Hindu wird man nämlich nur durch Geburt und du kannst nicht einfach so zum Hinduismus konvertieren wie zum Christentum oder Buddhismus.

Nach den Einkaufsständen folgte eine Treppe mit vielen Glöckchen und ich musste meine Schuhe abgeben. Das ist ganz normal, wenn du einen Hindutempel betrittst. Am Eingang stehen Regale und da packst du deine Schuhe hin. Dann geht es barfuß weiter.

Der erste Eindruck – Menschengewimmel, was auch kein Wunder war, denn am Dienstag werden viele Tieropfer gebracht, am Samstag deutlich noch mehr.

Auge in Auge mit Kali

Der Tempel ist kein geschlossener Raum, sondern ein nach allen Seiten hin offenes Areal, das aber doch recht klein ist. Es hat weder Dach noch Wände. Davor ist ein kleiner Platz, wo die Gläubigen Kerzen, Räucherstäbchen und Blätter opfern.

Überall sitzen Priester, die gegen eine kleine Spende die Menschen segnen und ihnen einen gelb-roten Faden um das Handgelenk binden.

Die Luft ist geschwängert von den Räucherstäbchen und ein heller Nebel liegt über allem.

In einer langen Schlange geht es langsam in Richtung des Allerheiligsten, ich mitten drin.

Der Stein ist eiskalt, alles ist nass und klamm. Kurz vor dem Eingang ist noch ein Wasserhahn, wo sich alle die Füße noch einmal waschen, um rein vor die Göttin zu treten. Meine Motivation, mir auch noch mit kaltem Wasser die Füße zu waschen, ist nicht gerade groß, aber ich mache es. Mehr Sorgen mache ich mir, dass ich nicht ausrutsche, denn der Boden ist glitschig von dem vielen Wasser.

Das Allerheiligste ist von einem kleinen Zaun aus Bronze umgrenzt, bewacht von Wächterlöwen.

Auch sie werden mit Blumengirlanden und Räucherstäbchen geehrt, bevor man Kali gegenübertritt.

Das Innere war mit weißen Kacheln ausgekleidet, so dass immer wieder das Blut abgewaschen werden konnte. In der Mitte war die schön gekleidete Statue der Göttin, die kleiner war, als ich dachte. Rechts und links von ihr standen in Nischen weitere Statuen.

Die Menschen in der Schlange, die einen Hahn oder einen Ziegenbock dabei hatten, übergaben das Tier den Tempeldienern, die mit einem raschen Schnitt ihnen die Kehle durchtrennten. Das herausspritzende Blut wurde auf die Statuen gespritzt. Der Kopf blieb, der Körper wurde den Menschen wieder zurückgegeben.

Da ein ständiger Strom der Pilger nachrückte, blieb kaum Zeit, alles auf mich wirken zu lassen. Ich wurde weiter und wieder nach draußen geschoben.

Gegenüber des Tempels war ein kleines überdachtes Gebäude, wo die geopferten Tiere gehäutet und ausgenommen wurden, bevor sie den Menschen wieder zurückgegeben wurden. Immerhin wurden sie dann nach der rituellen Opferung dann noch gegessen.

Was habe ich eigentlich erwartet?

Ich blieb dort noch eine Weile stehen, um das Treiben zu beobachten. Es war so ganz anders als vieles, was ich bis jetzt gesehen hatte.

Ich hatte schon Tieropfer auf Sulawesi (Indonesien) gesehen und nun auch hier. Ich muss sagen, dass es schon auf der einen Seite für mich als Europäerin beide Male ungewöhnlich war, denn wo sieht man schon bei uns, wie Tiere geschlachtet werden.

Aber sowohl hier als auch in Sulawesi gehören Tieropferungen zum Leben und zur Religion dazu. Die Tiere wurden, soweit ich das beurteilen konnte, insofern respektvoll behandelt, weil es eine Opfergabe an die Götter war und ihnen auch der entsprechende Respekt entgegengebracht wird.

Wer hier anfängt, mit westlichen Maßstäben zu bewerten, der sollte lieber an einem Tag herkommen, der nicht so sehr mit Tieropfern verbunden ist wie der Samstag oder der Dienstag.

Insgesamt war die Atmosphäre zwar schon speziell für mich, aber sie war auch geschäftsmäßig, nicht sooooo sehr andächtig und gnadenlos spirituell, wie ich es mir vorher in meiner Vorstellung ausgemalt hatte.


Es war für die Nepali einfach nichts Ungewöhnliches. Die Religion, die Spiritualität ist für so mit ihrem Alltag verbunden, dass es einfach normal ist, zum Tempel zu gehen und ein Opfer zu bringen. Dabei ist scheint es egal zu sein, ob es nun Blumen und eine Kokosnuss oder ein Tier ist.

Ich denke, es hängt auch damit zusammen, was man gerade mit Kali zu besprechen hat.

Ist es einfach eine Ehrerbietung oder etwas größeres, ein bestimmter Wunsch, den sie als eine der wenigen Wunscherfüllerinnen unterstützen soll. Ist ja eigentlich in allen Religionen so. Da gibt es den normalen Obolus, wenn nichts Besonderes anliegt, aber wenn es etwas Wichtiges ist, dann ist die Kerze oder die Spende schon ein bis zwei Nummern größer.

Ein paar Tage später durfte ich auch noch die Diwali-Prozessionen in Kathmandu miterleben.

Auch da war es einfach eine Selbstverständlichkeit, die Götter ausgelassen zu feiern, denn sie sind einfach ein Teil des Lebens, nicht Wesen, denen man nur ab und zu vor Ehrfurcht erstarrt gegenübertritt, sondern ein Teil des Lebens, irgendwie wie ja, wie gute Freunde. Sie sind ein Bestandteil des Lebens und damit auch völlig integriert.

Auch im Alltag in den Straßen von Kathmandu oder auf den Busfahrten über Land konnte ich das beobachten. Da wird einfach mal kurz an einem der unzähligen Schreine gehalten, genickt, eine Münze aus dem Bus geworfen oder, wenn man gerade vorbeigeht, mal kurz reingeschaut und dann geht man weiter.

Wie ist es hier dagegen? Wer bleibt schon kurz vor einer Kirche, einer Kapelle oder einem Wegkreuz stehen? Ich denke, die wenigsten. Aber dafür dann ganz großes Kino an den Feiertagen.  In Nepal war das anders und das wiederum hat mich unglaublich beeindruckt.

Und daher war es für die Nepali auch nichts ungewöhnliches, Kali zu besuchen, ihr ein Opfer zu bringen und dann wieder ohne großes andächtiges Tam-Tam zu gehen. Ein kurzes Innehalten, eine kleine Zwiesprache und dann geht es weiter. Sie und die anderen Götter sind eben ein Teil des Alltags.

Und am Ende lachte mich Kali aus

Ich muss zugeben, es war für mich ein wenig ernüchternd, aber so im Nachhinein betrachtet wäre alles andere einfach nicht stimmig gewesen.

Ich bin mit meiner westlichen Einstellung hingekommen und habe, ja, was eigentlich, erwartet… Wahrscheinlich eine bedeutungsschwangerer Stimmung, die mich erfasst oder irgendetwas in mir auslöst. Irgendetwas in Richtung Erweckungs- oder Erleuchtungserfahrung oder zumindest eine wie auch immer geartete Ergriffenheit.

Und genau jetzt im Moment habe ich das Gefühl, dass Kali hinter mir steht und laut lacht, sehr laut.

Ich glaube, ich opfere ihr mal ein Räucherstäbchen und lache mit, lache über meine westlichen Vorurteile und meine damalige Vorstellung, dass Spiritualität exklusiv für bestimmte Orte und Tage reserviert sein sollte/müsste.

Das ist Blödsinn… Spiritualität gehört zu meinem Alltag inzwischen noch mehr dazu als früher und ist ist völlig normal. Inzwischen. Früher war es eher auf Vollmond und den Jahreskreis und ab und an mal zwischendurch eine Meditation begrenzt, heute sind Praktiken wie Meditieren, mit Göttern und Begleitern reden, räuchern oder einfach mal innehalten und wahrnehmen so was von normal, oft auch einfach so zwischendurch oder in der Badewanne.

Wäre mal spannend, noch einmal nach Dakshinkali zu fahren und zu erfahren, wie und was ich jetzt empfinden würde.

Eines Tages werde ich sicher noch einmal Kali besuchen. Und dann werde ich ihr auch ein Opfer bringen und wir werden gemeinsam lachen.

Und jetzt Du: Wie stehst du zu den Göttern? Warst du schon mal in Nepal? Reizt es dich oder überhaupt nicht? Schreib mir doch deine Gedanken in die Kommentare.
 
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